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Acryl auf Leinwand, je 5×5 cm

2011

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Mein Blog – Die Welt ist eine Plattform (Jahr der Text-VÖ: 2011)

Künstler und Reisen scheinen eng verbunden zu sein. Die einen befinden sich in einer ständigen Bewegung auf und um den Globus, die anderen reisen still, nahezu bewegungslos. Kopfreisen – Kopfkino. Visuell, virtuell. Dabei kreuzt der Reisende immer wieder bekannte (Ausgangs-) Orte. Sprachgeschichtlich ist der Tourist nun einmal jemand, der sich im Kreis dreht.

Was einst die Machete im Dschungel ist heute der Mauszeiger im World Wide Web. Inmitten einer künstlerischen Ideenfindungsphase, als ich mich schon auf einem ganz anderen Weg durchs Gedankendickicht schlug, damit aber unzufrieden war und mich häufiger prokrastinierend am Computer wiederfand, ertappte ich mich dabei, wie ich scheinbar willkürlich ein Facebook-Profil nach dem anderen anwählte.

Das Klicken durch diese Profile ist wie ein Blindflug, ein Last Minute-Check-In ohne Destination. Soziale Netzwerke gehören zu den Phänomenen unserer Zeit. Sogar Hollywood hat sich auf die unglaubliche Erfolgsgeschichte um den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gestürzt.1 Facebook ist ein Jahrbuch im Großformat und geht trotz seines Namensursprungs weit über die Bekanntheitsgrenzen unter Mitschülern oder Kommilitonen hinaus. Im Juni 2011 wurden ca. 750 Mio. Nutzer dieser Internetplattform gezählt. All diese Menschen sind angeblich um 6-7 Ecken miteinander vernetzt2 und können in inzwischen 74 Sprachvarianten diese Internetplattform nutzen.3

Der künstlerische Leitgedanke ergab sich nun fast von allein, der Vergleich war augenscheinlich: Das Internet und soziale Netzwerke geben dem Wort Fernweh eine völlig neue Dimension. Wie Ziele in einem Reisebüro schlägt Facebook dem angemeldeten Nutzer mögliche Freundschaftsbeziehungen vor.

Schmackhaft gemacht werden diese durch gemeinsame Freunde und optisch reizvolle Profilfotos. Letztere zeigen, wie auf einer Landkarte oder in einer geschönten Hotelbroschüre, immer nur den vom Profileigner ausgewählten, vermeintlich interessantesten Ausschnitt – ansprechend in einer quadratischen Vorschau präsentiert.

Der sich Profilierende stellt sich häufiger in ungewöhnlichen Perspektiven, extremen Anschnitten, verfremdenden Farb- und Lichtsituationen dar oder verwendet gar Ersatzmotive wie Natur, Tiere, berühmte Persönlichkeiten oder Symbole. Man könnte also meinen, die meisten Nutzer greifen eher auf ein sie nicht offensichtlich erkennbar (re)präsentierendes Bild zurück. Diese Vermutung wird von der fantastischen, bis zur Unkenntlichkeit getriebenen Reduzierung der Namen noch unterstützt: Die Profile schreien förmlich: Klicke mich an!, Lerne mich kennen!, Ich bin interessant!. Gleichzeitig sagen sie aber auch aus, dass der Mensch dahinter eine gewisse Privatsphäre wahren möchte. Facebook teilt den Profilsurfern dazu wörtlich mit: X teilt nur manche Profilinformationen mit allen.4 In einer Zeit, in der das Wort Überwachungsstaat tagtäglich für Schlagzeilen sorgt, liegt wohl eine eigentümliche Ambivalenz darin, sich in einem virtuellen, sozialen Netzwerk anzumelden und dann durch sogenannte Privatsphäreeinstellungen5 eine Mauer hochzuziehen. Es sei der plumpe Vergleich gestattet: Mauern haben noch nie die Reisewut der Menschen gebremst. Und wenn man ehrlich ist: Macht es ein Land, eine Stadt, eine Destination, ja ein Profil nicht noch interessanter, wenn man nicht alles sehen darf? Mich zumindest macht es neugierig. Stolpere ich über etwas faszinierend Merkwürdiges, dann möchte ich wissen, was es damit auf sich hat. Dies führte nun dazu, dass ich begann, mich malerisch mit Profilbildern bei Facebook auseinanderzusetzen. Dank eines ausgeklügelten Zufallsgenerators wird die Freunde finden- Liste bei diesem Netzwerk nie eintönig: die Profilbesitzer ändern in unregelmäßig zeitlichen Abständen ihre Profilbilder und die möglichen Zukunftsbekanntschaften werden immer wieder umplatziert. Lädt man die Seite erneut, ist sie völlig umstrukturiert. Man kommt sich ein wenig vor, wie auf einem Basar, der dem Prinzip eines Gordischen Knotens nachempfunden ist: Viele Menschen, die alle etwas mit einem zu tun haben (wollen), laufen einem (virtuell) wiederkehrend über den Weg. Einige sehen immer gleich aus, andere kleiden sich an jedem Stand neu ein (verändern ihre Profilbilder). Facebook spielt uns so vor, dass wir eine unüberschaubar große Auswahl an Bekanntschaften machen könnten – wenn wir denn wollten.

Die Welt ist zwar keine Scheibe, aber eine Plattform, auf der Millionen auf ihrer Wanderschaft durchs Internet immer wieder eine kurze Rast einlegen.

Neben diesem Aspekt der ständigen Veränderung, der auch das Verlorengehen und Wiederfinden bzw. Entdecken beinhaltet, interessierte mich malerisch vor allem eines: Der quadratische Bildausschnitt der angebotenen, potentiellen Freundesprofile ist durch seine starke Verkleinerung oftmals derart abstrahiert, dass das Auge fast ausschließlich flächige Farbvariationen wahrnimmt. Das Miniaturquadrat lässt viel interpretativen Spielraum zu. Fast könnte man den Vergleich zu der Entdeckung einer ungewöhnlichen, vielleicht fremdländischen Briefmarke in der Hauspost ziehen, die eventuell ihren Zauber verlöre, sobald man sich näher mit ihrem Ursprung und, damit zusammenhängend, dem Motiv beschäftigt. Daher erkundete ich die jeweils dazugehörigen Profile erst im Nachhinein, um mir die (abstrakte) Impression des Bildausschnitts nicht zu nehmen. Von für mich reizvollen Vorschaubildern machte ich einen Screenshot. Dadurch hielt ich einen Reiseabschnitt, nämlich meinen Besuch auf der vorgeschlagenen Seite des fremden Freundes, fest. Von der Miniatur-Vorschau angeregt, setzte ich in Acrylfarbe die für mich relevanten Muster, Strukturen und Farben auf je 5×5 cm großen Leinwänden um.

In der Art dieser mikroskopisch-kartografischen, malerischen Reduktion entstanden 80 kleinstformatige Leinwände. Die Malereien schwanken zwischen abstrakt und naturalistisch, Porträt und Landschaft. Die Transformation in das Medium Malerei verändert den Blick auf die Profilbildausschnitte: Der Profileigner wird unwissentlich zum Kunstprojekt.

Die unfreiwilligen Porträts betitelte ich mit den dazugehörigen Profilnamen. Der übergeordnete Arbeitstitel allerdings lautet Mein Blog. Er bezieht sich auf den Wohnblock, in welchem ebensolche Anonymus-Netzwerke vorzufinden sind, wie bei Facebook sowie auf den Internet-Blog. Desweiteren spielt er auf die blockhafte Präsentation der Malereien in einer Ausstellungssituation an (angelehnt an Facebook und dessen Aufmachung der Freunde finden-Seite). Die einzelnen Leinwände ergeben so optisch quasi eine Landkarte, die meine wochenlange virtuelle Künstlerreise durch das soziale Netzwerk in einem reellem Raum komprimiert zusammenfasst.

Jede Reise geht einmal zu Ende, ob man nun mit dem Flugzeug landet oder sich – wie in meinem Fall – ausloggt. Was bleibt, sind Gefühle und Erinnerungen, die man versucht hat, festzuhalten, sei es durch Souvenirs, Fotografien, Texte oder gesammelte Gegenstände. Meine Netzwerk-Expedition hatte von vornherein einen künstlerischen Selbstzweck. Trotzdem und obwohl ich mich ausschließlich virtuell fortbewegte wusste ich nicht, wie sich die Reise entwickeln oder enden würde. Nach 80 Malereien brach ich meinen Streifzug durch Facebook ab. Vorerst.

1 The Social Network, USA 2010, Regie: David Fincher.

2 Das sog. Kleine-Welt-Phänomen belegen u.a. Studien von Jure Leskovec und Eric Horvitz: http://arxiv.org/PS_cache/arxiv/pdf/0803/0803.0939v1.pdf, Stand: 19.08.11, 14:00. Siehe auch: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,569705,00.html, Stand: 19.08.11, 14:00.

2 Wikipedia, Stand 09/2011.

4 Dass bei Facebook alle auf Du und Du sind, muss wohl nicht hervorgehoben werden: X in meinem Beispiel steht für den Vornamen des Profilbesitzers.

5 Facebook bezieht mit der Schaffung sogenannter Privatspähreeinstellungen Position bezüglich hauseigener Datenskandale der Vergangenheit.